Das Buch der magischen Sprüche

Fortsetzung zu "Das Erbe des Casparius" 

erschienen  2015 im Sarturia-Verlag Unterensingen

Leseprobe

„Kann der junge Herr rudern?“, wollte der Kahnverleiher wissen, während er mit dem Haken ein Boot, das einer Backmulde ähnelte, an den Steg heranzog.
„Er kann“, versicherte Caspar eilig und dachte, dass es schon gut gehen werde.
„Bis zum Galgenstein ist die Ramme ruhig, doch dort sollte der junge Herr unbedingt umkehren.“ Der Mann ließ sich von Caspars zur Schau getragenen Sicherheit nicht täuschen. Das war wieder einer von den Neuen, die jedes Jahr auftauchten: Studenten, die glaubten, es gäbe nichts, was sie nicht beherrschten.
Der Kahn schwankte bedenklich, als Caspar ungeschickt hineinplumpste. Rudern sah leichter aus als es war. Im Zickzack arbeitete er sich bis zur Flussmitte vor und beschrieb dort eine unfreiwillige Ehrenrunde, ehe er den Dreh der geradlinigen Fortbewegung einigermaßen heraus hatte. Leider sah Caspar nur, wo der Kahn soeben noch geschwommen war, doch nicht, wohin er schwamm, denn  v o r n  befand sich in seinem Rücken.
Ein Weilchen verlief der Vorstoß ins Ungewisse gut, aber er war nicht der einzige Kahnfahrer auf der Ramme. „Mensch, pass auf, wohin du ruderst“, brüllte eine Stimme in seinem Rücken. Caspar fühlte einen Stoß, Holz ratschte an Holz und schräg zu seiner Linken erschien ein zweiter Kahn. Darin hockte ein Bursche in seinem Alter, ein Ruder erhoben, als wolle er zuschlagen.
„Lass mich leben!“, rief Caspar in komischem Entsetzen.
Der Bursche lachte und stemmte das Ruder gegen Caspars Kahn. „Du sollst mir nur von meiner Kiste wegbleiben, damit wir beide die Dinger wieder heil zurückbringen. Bist wohl noch nie zu Wasser unterwegs gewesen?“
„Nee, noch nie“, gab Caspar zu. „Dabei dachte ich grade, ich hätt's gepackt. Bloß – hinten hab’ ich keine Augen.“
„Aber einen Hals, den du drehen und wenden kannst. Dafür ist dieser Körperteil nämlich gut.“
Caspar versicherte trocken, das müsse er sich unbedingt merken und wenigstens wisse er nun auch, warum der Fluss ’Ramme’ heiße.
„Du hast ein sonniges Gemüt.“ Der andere Bursche lachte auf, sagte, er heiße Frieder und studiere an der Uni Medizin.
„Aha, daher deine Kenntnis über die Bedeutung der Halswirbel“, spottete Caspar. „Ich gehöre übrigens innerhalb der gleichen Örtlichkeit zu den Giftmischern.“
„Und wo bist du daheim?“
“Dort, wo böse und gute Geister nicht in Versuchung geraten, einander Gute Nacht zu sagen, weil sie sich erkennen.“
„Dann kommst du nicht aus dieser Stadt. Hier sind die Bösen von den Guten nicht so leicht zu unterscheiden“, griente Frieder.
Der Bursche gefiel Caspar. Obwohl er nun bald einen Monat in die Uni trabte, hatte er bisher noch keinen gefunden, den er sich zum Freund gewünscht hätte. Die meisten seiner Mitstudenten kamen aus wohlhabenden Familien und er war nun mal ein einfaches Land-Ei, das sich gar keine Mühe gab, dies zu verbergen.
„Ist es noch weit bis zum Galgenstein?“, erkundigte er sich.
Frieder grinste. „Das schaffst du schon noch. Er beginnt gleich hinter der Kurve. Oben drauf kleben die Überreste der Burg. Und nicht vergessen – hin und wieder die Halswirbel einsetzen.“
Er entfernte sich mit kräftigem Ruderschlag. Caspar musterte argwöhnisch den Fluss in seinem Rücken und legte dann gleichfalls los. Die Strömung trieb ihn glücklich um die Kurve und tatsächlich ragte links ein Felsen auf. Er musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um die Ruine ins Auge fassen zu können.
Das war mal ’was ganz anderes. Daheim gab es weder kaputte noch heile Burgen. Was für eine Geschichte mochte das alte Gemäuer haben? Und was hatte der Felsen mit einem Galgen zu tun? Er sah eher aus wie die ins Riesige vergrößerte Himmelfahrtsnase der Krämerin in Dorfstadt.
Verdächtiges Rauschen riss Caspar aus allen Vermutungen und Vergleichen. Unmerklich hatte die Strömung den Kahn weitergetragen. Wirbel gurgelten an der Wasseroberfläche. Ein Blick rückwärts zeigte ihm, dass der Fluss durch eine gefährlich nah aufragende  Klippe in zwei schäumende Ströme geteilt wurde.
„Alle guten Geister“, murmelte Caspar und versuchte abzudrehen. Doch was am Anfang unbeabsichtigt so gut geklappt hatte, ließ sich bei Notwendigkeit nicht bewerkstelligen. Schon sah er sich hilflos auf dem schäumenden Strom davongetragen oder – noch schlimmer – an der Klippe Kahnbruch erleiden. Schaudernd fiel ihm ein, dass er nicht schwimmen konnte. „Nicht aufgeben!“, schrie er ins Rauschen hinein. „Hau-Ruck! Hau-Ruck! Hau-Ruck!“
Da wurde der Kahn plötzlich von einer unbekannten Kraft herumgerissen und Caspar hatte die Klippe nun vor Augen. Rechts und links schoss gurgelnd das Wasser vorbei. Eilig legte er sich in die Ruder. Mochte sich in seinem Rücken eine ganze Kahnflotte tummeln, er  würde sie ohne schlechtes Gewissen rammen, er wollte nur weg von hier. Tatsächlich gehorchte ihm der Kahn und entfernte sich langsam von der Nichtschwimmerfalle.
„Grundgütiger“, seufzte Caspar, als er in ruhigerem Wasser angelangt war. „Das wäre um wenige Kahnlängen ein sehr kurzes Studium geworden.“
Als er die Anlegestelle erreichte, half ihm der Verleiher beim Aussteigen. „Wirklich schon mal gerudert?“, fragte er erneut.
„Jetzt ja“, gestand Caspar und setzte hinzu, „aber vorerst nicht wieder.“
„So geht es den meisten beim ersten Mal.“ Der Mann schmunzelte. Er wusste, was Caspar widerfahren war, klopfte ihm auf die Schulter und versicherte, die Stromschnelle sei weniger gefährlich als sie aussähe. Es gäbe dort auch eine starke Gegenströmung und notfalls müsse man eben schwimmen.
„Oh, das beruhigt mich kein … ich meine, das beruhigt mich sehr“, stotterte Caspar kleinlaut und schlich mit weichen Knien in den ’Rosenstock’ zurück.

 
 
 

 

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