Leseprobe "Das Erbe des Casparius"
neu erschienen 2015 im Sarturia-Verlag Unterensingen

Behände kraxelte die Großmutter die steile Bodentreppe hinauf.
Caspar lag eingeklemmt unter Brettern, bedeckt von zerbrochenen Glasscheiben, die ursprünglich auf den Brettern gelegen hatten. Es dauerte eine Weile, ehe die Großmutter den Enkelsohn von der Last befreit hatte. Wie nicht anders zu erwarten, war diese Rettungsaktion gewürzt mit Vorhaltungen im Allgemeinen und guten Ratschlägen über vorsichtiges Arbeiten im Besonderen. Caspar kannte das Lied und verhielt sich still. Es war nicht klug, die Großmutter bremsen zu wollen, wenn sie erst einmal in Fahrt gekommen war. Er kroch unter dem letzten Brett hervor, polkte sich ein paar Glassplitter aus den Haaren, bewegte prüfend Arme und Beine und bückte sich dann nach einem zerfledderten Buch, das mit den Brettern vom Dachbalken gefallen sein musste.
„Seltsamer Fund“, murmelte er, „ist in ’ner Art chinesisch geschrieben.“
Neugierig beugte sich auch die Großmutter über den bräunlichen Wälzer. „Das ist Latein“, sagte sie erstaunt.
„Verstehst du ’was davon?“ fragte Caspar.
Die Großmutter schüttelte den Kopf. „Ich kann mir gar nicht erklären, wie das Buch hierher kommt. Dein Vater hat es sicher nicht liegen lassen, er war ein ordentlicher Mensch.“ Sie schlug die Titelseite auf. „Es gehörte Casparius, dem Urahn, nach dem du benannt wurdest“, stellte sie überrascht fest.
Caspar dachte bei sich, dass es ein Gesetz geben sollte, welches Kindern erlaubte, ihre ungeliebten Vornamen zu ändern, sobald sie erwachsen waren. Laut sagte er: „Es müssen ziemlich viele Ur- vor dem Ahn sein, denn das Buch scheint so 200 Jahre auf dem Buckel zu haben. Was mag da nur drin steh'n?“
Die Großmutter zuckte die Schultern. Was stand schon in einem alten Buch - vermutlich Zauberkram.
Caspar fiel Doktor Weißgenau ein. Der kannte sich in solchen Dingen aus und auch aufs Lateinische verstand er sich mit Sicherheit. Er luchste der Großmutter das Buch ab und erklärte, er müsse den Fund unbedingt dem Doktor zeigen. Leichtfüßig sprang er die Bodentreppe hinunter.
„Bleib nicht wieder ewig“, rief  die alte Frau ihm nach, griff nach dem Bodenbesen und kehrte die Scherben zusammen.
 
Doktor Weißgenau saß am Arbeitstisch seines kleinen Labors und tüftelte über einem neuen Salbenrezept.
Ohne anzuklopfen riss Caspar die Tür auf. Der Doktor kannte diese plötzlichen Auftritte seines jungen Freundes, sie waren meist mit einer dringenden Bitte um Mithilfe bei mehr oder minder abenteuerlichen Projekten verbunden. Was würde es heute sein?
Caspar beschränkte sich bei seiner Erzählung auf das Notwendigste, was sonst nicht seine Art war, und drückte Weißgenau dann den alten Wälzer in die Hand. Der Doktor schlug das Buch auf und sein Gesicht wurde ernst.
„Das ist ein gefährliches Buch, mein Freund.“  
„Na prima, ich liebe doch Gefahren“, lachte Caspar.
„Es sind magische Sprüche“, murmelte Weißgenau.
„Auf so ’was bin ich besonders scharf“, versicherte Caspar.
„Solche Sprüche haben meist eine verheerende Wirkung“, warnte der Doktor.
„Mit verheerenden Wirkungen kenne ich mich bestens aus“, grinste Caspar.
„Man könnte beim Gebrauch dieser Sprüche auch zu Tode kommen!“
„Ich weiß nur, dass Blicke töten können“, ulkte Caspar.
Aber der Doktor, einem Scherz sonst nicht abgeneigt, blieb erst. Er erklärte, dass das Buch Spruchformeln für Dämonen- und Satansbeschwörungen enthielte. Wenn man sich entschlösse, derartige Beschwörungen durchzuführen, müsse man sehr genau wissen, wie man aus solch dämonischen Begegnungen unbeschadet wieder herauskomme. Mit dem Teufel und ähnlichen bösen Geistern sei nicht gut Kirschen essen.
Caspar nagte an der Unterlippe. Der Doktor hatte sicherlich Recht, doch die Möglichkeit, mit einer Welt in Kontakt zu treten, die für die meisten Menschen gar nicht existent zu sein schien, reizte ihn ungemein. Leider gab es dabei die für ihn unüberwindliche Hürde, sich auch nur eines einzigen Spruches sinnvoll zu bedienen - er war der lateinischen Sprache nicht mächtig. Also bat er den Doktor, ihm als Kostprobe wenigstens eine einzige, ungefährliche Beschwörungsformel zu übersetzen.
„Kommt nicht infrage“, wehrte Weißgenau ärgerlich ab. „Such dir für solche Dummheiten einen anderen!“
Caspar war enttäuscht. Wenn der Doktor Nein sagte, war nicht viel zu machen. Er nahm das Buch wieder an sich, murmelte etwas wie „ich finde schon jemand“ und schloss zögerlich die Tür hinter sich. Vielleicht rief ihn Weißgenau doch noch zurück.
Der Doktor ahnte, worauf Caspar hoffte. Nein, er würde ihm den Willen nicht tun. Der Bursche schien nicht zu wissen, in was für eine Familie er hineingeboren worden war. Hatte die Witwe Fröhlich dem Enkelsohn jemals etwas über den alten Magier Casparius erzählt? Gab es Zufälle wie diesen, dass jemand ein uraltes Buch just dort fand, wo zuvor bereits Generationen mit dem Pinsel nach Spuren des legendären Urahns gekehrt hatten? Er jedenfalls würde keinen Finger dafür krümmen, dass Caspar auf einen Weg geriet, der ihn Gefahren aussetzte, denen mit landläufigen Mitteln nicht beizukommen war.
Auch Caspar grübelte auf dem Heimweg.
Die Großmutter würde fragen, was der Doktor gesagt hatte. Rückte er mit der Wahrheit über den Charakter des Buches heraus, landete es unweigerlich im Feuer. Das durfte er nicht riskieren.
Im Haus konnte er das Buch nicht gut verstecken - die Großmutter kannte alle Winkel und keiner war vor ihrer Räumwut sicher. Es blieb also nur die Höhle übrig, sein geheimster Aufenthalt im Wald. Er hatte sie vor Jahren zufällig entdeckt. Etwas Sonderbares schien diesem Ort anzuhaften. Das hatte ihn auf den Gedanken gebracht, dort nach Schätzen zu graben. Tatsächlich fand er schon bald einige Dinge: Knochen, einen alten Topf, eine vom Moder angefressene Lederhülle, ein paar alte Münzen und eine Handvoll eigenartig geformter Kegelchen. Auch ein morscher Kehrbesen stand dort herum. Der wirkliche Schatz aber ließ leider auf sich warten, obwohl das Loch, das er gebuddelt hatte, recht umfänglich war.
Manchmal wehte aus der Grube ein leichter Schwefelgeruch - vielleicht befand sich etwas tiefer eine Schwefelquelle.
Caspar umging das Haus der Großmutter, trabte auf verschlungenen Wegen durch das Unterholz des Waldes und balancierte über moorigen Grund zu dem einsamen Felsen, dessen Geheimnis nur ihm bekannt war.
In der Höhle gab es ausreichend Platz, um weitere Löcher zu graben. Schnell hatte Caspar ein wenig abseits von seinem Schatztagebau eine kleine Grube für das Buch ausgehoben.
Als er es in einen Sackfetzen einwickeln wollte, bemerkte er ein Blatt, das lose zwischen die Seiten eingelegt war. Überrascht erkannte er darauf Worte in altertümlichem Deutsch. Er trat vor den Höhleneingang und buchstabierte mühsam die blass gewordenen verschnörkelten Buchstaben:
bi volmond glisset dotenbein im tonern topf  
veich sei nit din kopf
den kreis rund umb zwelf die stunt,
bi drimalen mit rüggen loufe
verkeret  drimalen Satanas ruofe.
Caspar wünschte sich, die Worte wären weniger blumig und die Rechtschreibung weniger abartig. Der Text glich einer Botschaft. Für wen mochte sie bestimmt gewesen sein? Jedenfalls - so viel entnahm er dem Wortlaut - wurde hier die Anweisung für eine Teufelsbeschwörung geliefert. Sicherlich war sie nie gelesen worden. Er verspürte plötzlich einen ungeheuren Drang, diese Beschwörung vorzunehmen. Bei Vollmond sollte sie stattfinden, soviel war sicher und -  wie es sich traf - es war gerade Vollmond.
Totengebein hatte er genügend ausgegraben und ein tönerner Topf war auch da. Was aber bedeutete veich?  Weicher oder feiger Kopf? Ganz gleich, er würde seine Denkmaschine schon oben behalten!
Um Mitternacht einen Kreis zu ziehen war ebenfalls kein Kunststück. Auf der Kreislinie dreimal rückwärts müsste zu schaffen sein und Satanas verkehrt hieß - sanataS.
Caspar verlor keine Zeit mehr an die Grabung, ihm war für das Buch ein besseres Versteck eingefallen. Sorgsam verstaute er das wichtige Blatt in der Jackentasche und wickelte das Buch in das schmuddelige Stück Sackleinen, mit dem er sich sonst die Hände reinigte. Ein Ende brauchbare Schnur lag auch noch herum - es ging doch nichts über einen Vorrat von Nebensächlichkeiten.
Mit dem Paket machte Caspar sich auf den Weg zur Sumpfwiese. Dort angekommen ließ er das Bündel vorsichtig in den hohlen Baumstamm hinab, der an ihrem Rand stand. Leider war die Höhlung von Bienen bewohnt, die gestört und daher wütend eine Abordnung wehrhafter Krieger gegen Caspars Hand ausschickten. Er hielt dem Angriff verbissen stand und verknotete das Ende der Schnur sorgfältig an einem Auswuchs des Stammes. 
Daheim wartete bereits ungeduldig die Großmutter.
„Warst du so lange beim Doktor?“, forschte sie misstrauisch.
Wahrheitsgemäß versicherte Caspar, er sei noch im Wald gewesen.
Auf die Frage nach dem Buch antwortete er ausweichend, der Doktor vermute, es handle sich um altertümliche Sprüche. Die Großmutter gab sich damit zufrieden und er verdrückte sich erleichtert in seine Dachkammer. Lügen war nicht seine Stärke.
 
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