Begegnung an der Seufzerbrücke

 

Fotograf: Gilles Soubeyrand

 


Steh an der Seufzerbrücke nicht bei Nacht,
die Dunkelheit folgt eigenen Gesetzen.
Was dir im Sonnenlicht den Sinn erfreut,
erfüllt dich nachts mit Schauder und Entsetzen.

Am hellen Tag siehst du, was alle sehen:
ein Kunstwerk, festgefügt aus weißen Steinen.
Doch wenn die Nacht aus feuchten Ecken kriecht,
dann hörst du, dass die alten Mauern weinen.

Es überquert den Brückenbogen tags
ein Menschenheer mit ungezählten Schritten.
Was dein verwirrter Sinn des nachts vernimmt,
das ist der Wiederhall von anderen Tritten.

Trau nicht dem Worte, trau der Brücke nicht!
Nichts wurde je durch sie vereint, verbunden!
Sie war die Straße ohne Wiederkehr für jene,
die gefesselt und gebunden.

Der schwarze Abgrund lauert unter ihr -
ein düsteres Gefäß für Schmerz und Klagen,
die nachts wie Geister aus der Tiefe wehn
und seufzen, fluchen, bitten, fordern, fragen.

Das Schattenheer zieht auf der Brücke hin -
die stumpfen Quader leuchten fahl und weichen -
es starrt mit tausendfachem Totenblick
das nahe Leben an und kann es nicht erreichen!

Steh an der Seufzerbrücke nicht bei Nacht!
Ein schmaler Grat ist zwischen Sein und Wahn.
Es strauchelt nicht dein Fuß! Die Seele sinkt
ins Schattenreich, aus dem nichts retten kann.

© B.Siwik

 

 

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