La Serenissima oder die kleine Flutung

 



Man weiß ja, dass Venedig sinkt!
Immer mal wieder probt die Natur ihr langfristiges Vorhaben, als wollte sie der kurzlebigen Menschheit einen Teilgenuss dieses großen Spektakels der fernen Zukunft bescheren ...
Verstohlen und etwas streng riechend quillt das Wasser aus den Öffnungen im Pflaster der Gassen.
Unaufhaltsam steigt der Wasserspiegel der Kanäle und überspielt - Stufe um Stufe - die Treppen an den Landestegen der Gondeln und Hausboote.
Die Lagune schwappt über und arbeitet sich beharrlich an den Dogenpalast heran.
Die Piazza San Marco wird zur spiegelnden Wasserfläche.
Wer den Dom besuchen will, erreicht ihn nur auf hölzernen Gehsteigen.
Die italienische Schuljugend nutzt die lange Wartezeit auf dem Holzsteg zum Weitsprung ins flache Wasser des Platzs: Der Nasseste wird Sieger!
Gondelfahren fällt wegen des Wassers ins Wasser!
Die Venezianer nehmen die Miniatur-Flutung mit Gelassenheit hin: Sie haben sich auf ihre Art eingerichtet!
In immer kürzeren Abständen beäugt der "oste" (Gastwirt) den Abstand zwischen Wasser und Eingangsstufe zu seinem ristorante, ehe er seine Stammgäste - nicht eher als zwingend notwendig - auf den Heimweg schickt.
Wer umsichtig war, hat die Gummistiefel ohnehin mitgebracht.
Wer in leichtem Schuhwerk zechen kam, zieht mit pfiffigem Lächeln zwei große Plastetüten aus der Tasche und kriecht bis an die Knie in die knisternden Hüllen: Gummi drum herum und basta!
Nur die Fremdlinge ziehen seufzend Schuhe und Strümpfe aus, krempeln die Hosenbeine um und schürzen die Röcke: Lehrgeld!
Für den Besuch von Konzert und Theater ist das Wasser hier kein Hinderungsgrund:
Gemessenen Schrittes ziehen zwei Venezianer in der Dämmerung durch das mehr als knöcheltiefe Wasser der Gasse:
der Signore im Abendanzug mit gekrempelten Smokinghosen und blauen Gummistiefeln,
die Signora in züchtig gerafftem schwarzem Abendkleid, schwefelgelb gestiefelt.
Nur sehr schreckhafte Seelen meiden die überfluteten Gässchen, die zu den Bootsstegen führen,
weil dort Venedigs Ratten ein rauschendes Wasserballett aufführen.
Vieles habe ich in Venedig bewundert und entdeckt, manches bedauernd wahrgenommen aber eins nachdrücklich erfahren:
In Venedig kann nichts und niemand auf Dauer trocken bleiben, nicht einmal die wasserscheuen Katzen.
Selbst sie haben sich angepasst: ich habe sie beim Wettschwimmen erwischt!

© B.Siwik


 

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